• Rosas Cantares

«Nach Andalusien auszuwandern war ein Schritt in die Freiheit»

Interview mit Martin Kieninger


In der Nähe von Rosas Cantares betreibt Martin Kieninger sein Weingut. Der innovative Winzer hat unter andalusischer Sonne Rebsorten aus seiner Heimat Österreich angebaut – Zweigelt und Blaufränkisch. Bei einem Besuch in seiner Bodega nahe Ronda erfahren Sie mehr zum prämierten Spitzen-Cuvée, der in Barrique-Fässern reift. Der 61-jährige Weinbauer spricht über seinen Jobwechsel vom Bauingenieur zum Winzer, seinen «Rolls-Royce» im Weinkeller und über seine Liebe, die er auf dem höchsten Berg der Iberischen Halbinsel fand.



Eine Reise in den Süden Spaniens im Jahr 1990 hat Ihr Leben verändert. Was ist passiert? Nach meinem Studium für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Graz und dem darauffolgenden Zivildienst verreiste ich für zwei Monate nach Spanien, um in Granada einen Sprachkurs zu besuchen. Am ersten Wochenende unternahmen mein Freund und ich eine Tour in die Berge der Sierra Nevada. Wir übernachteten in einer Hütte. Am Nebentisch sassen Einheimische – 12 Frauen und ein Mann. Nach dem Abendessen setzten wir uns zusammen und spielten Karten. Dabei lernte ich Ana Montenegro kennen.


Ana Montenegro – Ihr Herz-Ass an diesem Abend? (schmunzelt) Wir haben ein bisschen geplaudert. Am nächsten Morgen verliessen mein Freund und ich die Hütte frühzeitig. Wir machten uns auf den Weg zum Gipfel des Mulhacén – mit 3479 m Höhe der höchste Berg der Iberischen Halbinsel. Den Schlussaufstieg bewältigte ich allein. Als ich das Gipfelkreuz erreichte, begrüsste mich… Ana. Sie bestieg den Berg über eine andere Seite und enteilte ihren Begleiterinnen ebenfalls. Eine halbe Stunde lang hatten Ana und ich den Mulhacén für uns ganz allein. Der Rest ist Liebesgeschichte.


Weshalb sind Sie von Bad Goisern in die andalusischen Hügel bei Málaga ausgewandert, um ganz in der Nähe von Rosas Cantares die österreichischen Rotweinsorten Zweigelt und Blaufränkisch anzubauen? Meine Frau Ana und ich lebten acht Jahre in Österreich. In dieser Zeit kam unsere Tochter auf die Welt. Die kalten Wintermonate in Bad Ischl machten meiner Frau – sie stammt aus Granada – zu schaffen. Sie wollte zurück nach Andalusien. Mir blieb die Wahl mitzugehen oder dereinst die Baufirma meines Vaters zu übernehmen. Mein Vater war sehr autoritär, er liess mir wenig Raum, mich zu entfalten. 1998 beschlossen Ana und ich, nach Spanien auszuwandern.



Sie gaben Ihren gut dotierten Job als Bauingenieur auf und sind Winzer geworden. War es das Risiko wert? Ja, auf jeden Fall. Als Jugendlicher wollte ich Bauer werden. Meine Mutter kam aus einer Bauernfamilie. Wie bereits angetönt: Mein Vater wollte, dass ich sein Bauunternehmen übernehme. Es war erleichternd, auszuwandern – ein Schritt in die Freiheit. Mein Vater war sehr verärgert über meinen Entscheid und ass aus Trotz fünf Jahre lang keine spanischen Tomaten mehr. Dann hat er mich erstmals besucht.


Wie haben Sie das Winzerhandwerk gelernt? Ich absolvierte einen Crashkurs bei Juan Manuel Vetas, dem weitherum besten Önologen. Er hat schon Prinz Hubertus von Hohenlohe beraten. Zu meinen Lehrmeistern gehörte auch Friedrich Schatz. Der Deutsche hat gemeinsam mit Vetas den Weinbau in Ronda nach der Reblausplage im 19. Jahrhundert wieder aufgebaut.


Wie sind Sie auf das mittlerweile drei Hektar grosse Weingut Bodega Kieninger nahe Ronda gestossen? Durch Zufall. Als Baubiologe interessiere ich mich für Ökodörfer. In einer deutschen Fachzeitschrift bin ich auf ein Inserat aufmerksam geworden, das ein Deutscher publizieren liess. Er wollte genau solche Ökodörfer bauen. Während meiner Suche nach einem geeigneten Weingut kontaktierte ich diesen Deutschen – Friedrich Schatz. Als Makler bestens vernetzt, zeigte er mir ein paar Grundstücke nahe Ronda. Das Weingut Bodega Kieninger, eingebettet in die beiden Gebirgszüge Sierra de Grazalema und Sierra de las Nievas, war Liebe auf den ersten Blick.



Wie viele Rebstöcke haben Sie aus Österreich importiert? Ich setzte im Jahr 2000 im anfänglich ein Hektar grossen Weingut 4000 Rebstöcke. Die Pflanzen hatte ich bei der österreichischen Firma Kober & Kohlfürst Reben in Kottingbrunn gekauft und nach Spanien transportiert.


In Andalusien scheint die Sonne öfter und länger als in Österreich. Wie verändern sich dadurch Rotweinsorten wie Zweigelt und Blaufränkisch? In Andalusien ist die Sonneneinstrahlung im Vergleich zu Österreich doppelt so gross. Das bedeutet: Die Rotweinsorten entwickeln mehr Zucker, der Alkoholgehalt steigt in Spanien von 12 auf 14 Volumenprozent. Die intensive Ausreifung führt zu ausgeprägten fruchtigen und pfeffrigen Geschmacksnoten. Durch die Sonneneinstrahlung weisen die Trauben mehr natürliche Farbstoffe auf, die in roten Beeren vorkommen und die typische Farbe eines Rotweines bestimmen. Auch der gesundheitsfördernde Inhaltsstoff Resveratrol ist erhöht.


Sie produzieren pro Jahr zwischen 12'000 und 15'000 Flaschen Wein und erzielen jährlich einen Umsatz zwischen 60'000 und 80'000 Euro. Wer kauft Ihre Weine? Wir haben unterschiedliche Absatzquellen für den Wein. Dass unsere Weine im Gourmetrestaurant Bardal in Ronda auf der Weinkarte stehen, macht uns stolz. Das Haus ist mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Zwischen 2000 und 3000 Flaschen verkaufen wir im Weingut Bodega Kieninger an unsere jährlich rund 1000 Gäste. Dann betreiben wir Handel mit Ronda und Málaga sowie Belgien, Holland und Dänemark. Mein ältester Sohn Max aus erster Ehe sorgt mit seinem Weinlager in Wien dafür, dass Zweigelt und Blaufränkisch auch in meiner Heimat abgesetzt werden.



Welches ist der «Rolls-Royce» in Ihrem Weinkeller? Der Bio-Rotwein Vinana Cuvée 2013. Er reifte während 13 Monaten in Fässern aus französischer und amerikanischer Eiche. Es handelt sich um eine klassische Assemblage aus den französischen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. 2020 und 2021 wurde er anlässlich einer Blindverkostung zum besten Rotwein Málagas ausgezeichnet (Sabor a Málaga, die Red.).


Wie wichtig ist Ihnen die Nachhaltigkeit im Weinbau? Nachhaltigkeit ist mir ein Anliegen. Ich betreibe Bio-dynamische Landwirtschaft nach strengen ökologischen Kriterien. Meine Lebensmittelprodukte sind CAAE-zertifiziert (Comité Andaluz de Agricultura Ecológica, die Red.). Pestizide und Herbizide werden im Weingut Bodega Kieninger nicht eingesetzt. Das erfordert bei unseren Reben an den Hanglagen einen Mehraufwand, müssen wir das Gras doch mindestens zweimal im Jahr mit der Motorsense mähen.


Was dürfen unsere Gäste erwarten, wenn Sie die Bodega Kieninger besuchen? Sie werden von unseren zwei Hunden, Gänsen und uralten Steineichenwäldern begrüsst. Ein beliebtes Fotomotiv ist unsere eigene Quelle mit frischem Quellwasser. Auf einem Rundgang durch das Weingut erklären wir den Gästen, wie die ökologische Bewirtschaftung der Weinberge vor sich geht. Im Weinkeller werden vier verschiedene Weine gereicht. Dazu gibt es Schafskäse, Wurst, Oliven und selbstgemachtes Öl.


Was kostet der Besuch? Das Erlebnis im Weingut kostet 25 Euro pro Person.


Interview: Thomas Wälti




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